"Stabil für morgen – Mut statt Attentismus": BBH-Jahreskonferenz 2026
Mut statt Attentismus attestierte Prof. Dr. Ines Zenke auch der Politik bei der Einsetzung des Sondervermögens von 500 Mrd. Euro durch den alten Bundestag vor einem Jahr und mahnte zugleich: „Geld allein baut keine Brücken, verlegt keine Glasfaserkabel, errichtet keine Windkraftanlagen. Geld braucht verlässliche Rahmenbedingungen, schlanke Prozesse und – vor allem – den politischen Willen zur Umsetzung.“ Nach vielen Ankündigungen müsse nun der „Sommer der Taten“ folgen.
Damit war der Ton gesetzt und es stand die Frage im Raum, wie das Sondervermögen auf die Schiene zu bringen ist. Welche Rahmenbedingungen sind notwendig? Welche Auswirkungen hat der Krieg im Nahen Osten auf die deutsche Energiepolitik? Und wo befinden wir uns in der Transformation?
Den ersten Impulsvortrag setzte Christian Seyfert. Der Hauptgeschäftsführer des VIK, Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft, warnte vor dem Verlust von Industrie in Deutschland und damit von Wertschöpfung, politischer Stabilität und letztlich dem Gestaltungsspielraum für Klimaschutz. Was er spüre, sei aber mehr Realismus in der Energiepolitik und der Wille zur Korrektur. So, aber auch nur so können unter den Bedingungen der Transformation neue Geschäftsmodelle entwickelt werden.
Die geopolitische Dimension der deutschen Energiepolitik rückte Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des BDEW, Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, in den Mittelpunkt des zweiten Impulses. Die Ereignisse im Nahen Osten würden nicht spurlos an Deutschland vorbeiziehen. Es gelte deshalb, die Energiewende auch unter dem Aspekt der Souveränität zu betrachten.
Die anschließende Paneldiskussion vertiefte die Impulse und beleuchtete die politischen und unternehmerischen Handlungsperspektiven.
In Anbetracht der geopolitischen Risiken müsse etwas passieren, forderte Kerstin Andreae und riet dabei von Gießkanneninstrumenten ab, um Energiepreise zu deckeln und Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Netzausbau und Tempo beim Wasserstoffhochlauf seien das Gebot der Stunde.
Thomas Antonioli, Co-Founder und CFO von Terra One Climate Solutions GmbH, brachte seine Perspektive als langjähriger Unternehmer und Gründer ein und forderte verlässliche Rahmenbedingungen. Deutschland sei für internationale Investoren lange ein Anker der Verlässlichkeit gewesen. Er appellierte an die BNetzA, klare und praxistaugliche Vorgaben zu schaffen, denn für nahezu alles, was er derzeit im Bereich Energien initiiere, brauche er einen Anwalt.
Die Reduktion von Normen und Regeln unterstützte Anne Rethmann. Die Vorständin der Thüga AG wünschte sich eine klare Trennung, Sondervermögen sei Sondervermögen und müsse als zusätzliche Investition gelten. Es dürfe nicht konsumtiv verpuffen, sondern würde auch benötigt, um zusätzliche private Mittel zu ermöglichen.
Ihm sei nicht so bange um die Zukunft, denn es liege alles auf dem Tisch, sagte Christian Seyfert. Der Strukturwandel sei unvermeidbar – entscheidend sei, Strukturbrüche zu verhindern.
Armand Zorn, MdB und stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, machte deutlich, dass sich Deutschland insgesamt mitten in der Transformation befinde. Im Hinblick auf die Energiepolitik verfolge die Regierungskoalition einen Dreiklang aus Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit. Denn es ginge auch darum, Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen.
Im Gespräch „Gross und mutig denken“ beleuchteten Mitgründer Christopher Burghardt und Prof. Christian Held das Projekt Sila Atlantik. Damit soll grüner Strom in Marokko produziert und über ein 4.800 km langes Unterwasserkabel nach Deutschland geliefert werden. Das Projekt sei technisch möglich und politisch gewollt, so Burghardt.
Im dritten Impuls der Konferenz plädierte Michael Lewis, CEO der Uniper SE, für Ehrlichkeit über die Kosten und Mut, um über Prioritäten zu sprechen. Energieversorgung sei eine Frage der Geopolitik und daher bedürfe es einmal mehr Resilienz im System. Energiepolitik funktioniere in einer Welt multipler Krisen nicht mehr linear; wir müssen eine neue Stabilität schaffen.
Tanja Gönner, Hauptgeschäftsführerin des BDI, Bundesverband der Deutschen Industrie, fokussierte sich im vierten Impuls auf Strukturreformen. Bewegung statt Attentismus, das wäre schon einmal etwas. Ohne Reformen komme keine Geschwindigkeit auf und lassen sich die gewünschten Erfolge nicht erreichen.
Im anschließenden zweiten Panel standen die strukturellen Fragen im Vordergrund. Wie müssen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in der Transformation zusammenwirken?
Ulrich Benterbusch, Geschäftsführer der GASCADE Gastransport GmbH, eröffnete mit der Feststellung: Eine kostengünstige Energiewende gehe nur mit Wasserstoff. Entscheidend seien jetzt Handlungswille und Reformbereitschaft, er sehe die öffentliche Hand als Mitgesellschafter gefragt.
Die bisherigen Strukturen seien für die Herausforderungen der Transformation nicht ausreichend, analysierte Tanja Gönner. Es brauche eine grundlegend andere Zusammenarbeit von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.
Carsten Hoffmann, Vorstand der GGEW, Gruppen- Gas- und Elektrizitätswerk Bergstraße AG, verwies noch einmal auf die Rolle des Staates als Mitgestalter der Energiewende und als Gesellschafter, um Investitionen anzureizen und abzusichern. Es ginge nicht um Staatswirtschaft, sondern um das Verständnis, was die Energiewende für die Wirtschaft bedeute.
Michael Lewis schloss sich an und forderte vom Staat, einen klaren Rechtsrahmen zu setzen, wie dies mit dem EEG geschehen sei. Es gehe darum, Anreize und Rahmenbedingungen konsequent umzusetzen.
Dr. Klaus Wiener, MdB und Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, mahnte, dass die Transformation kein Sprint, sondern ein Marathon sei. Dazu gehöre auch, unbequeme Wahrheiten anzusprechen und den Menschen zu erklären, dass es nicht einfach werde.
Prof. Christian Held schloss die Konferenz mit dem Ausblick, dass nun mutige Entscheidungen sichtbar werden müssten, in der Politik, in den Unternehmen und in der Gesellschaft. Die BBH-Jahreskonferenz 2026 hatte deutlich gemacht: Die Instrumente liegen auf dem Tisch, das Sondervermögen ist beschlossen, die Technologien sind vorhanden. Was zählt, ist der Wille zur Umsetzung und der Mut, ihn unter Beweis zu stellen.
In der Magazinstraße klang der Konferenztag aus und anschließend/nun wurde auf den 35. Geburtstag angestoßen. Über einen abendlichen Impuls von Stefan Evers, Bürgermeister und Senator für Finanzen des Landes Berlin, freuten sich die anwesenden Gäste.
Stefan Evers eröffnete mit einer nüchternen Bestandsaufnahme: Die Lage sehe zunächst düster aus. Über Jahrzehnte habe sich ein enormer Investitionsstau aufgetürmt. Es gehe jedoch nicht mehr nur um eine Ertüchtigung der Infrastruktur, sondern um Krisenfestigkeit und Resilienz. Infrastruktur sei längst Sicherheitspolitik, und das strukturelle Problem, dass sie heute länger geplant als gebaut werde, sei vor allem der Verwaltungslogik geschuldet. Er stellte die abschließende Frage, ob wir uns als Gesellschaft der Reformbedürftigkeit des Systems bewusst seien und attestierte, die Politik werde ihren Teil übernehmen.