Interview: BBH-Partnerin Dominique Couval spricht über ihren internationales Werdegang und warum das Energierecht heute mehr bewegt denn je

Dominique Couval ist seit 2008 Teil von BBH und berät Unternehmen in allen Fragen rund um Gasvertrieb und Gasnetzzugang. Mit einem Abschluss in Europarecht von der Panthéon-Sorbonne und einer Station am Europäischen Gerichtshof bringt die BBH-Partnerin und Rechtsanwältin eine ausgeprägte europäische Perspektive in die Energiewirtschaft ein und ordnet nationale Regelungen im größeren Zusammenhang ein.

 

Im Interview spricht sie über ihren Einstieg ins Energierecht und erläutert, warum das Energierecht heute zu den dynamischsten und politisch wie gesellschaftlich relevantesten Rechtsgebieten zählt, welche Herausforderungen sie im europäischen Gasmarkt sieht und weshalb Jurist:innen den Wandel in der Energiewirtschaft nicht nur begleiten, sondern aktiv mitgestalten können.

Frau Couval, wie sind Sie zu BBH gekommen?

Ich hatte vor meiner Zeit bei BBH keine großen Berührungspunkte mit dem Energierecht. Über einen Freund hatte ich bereits von BBH gehört und war erfreut, dass eine Stelle ausgeschrieben war. Im Vorstellungsgespräch hatte ich sofort das Gefühl, dass die Arbeit bei BBH etwas Besonderes ist. Ich freute mich auf ein noch junges Rechtsgebiet und auf sehr offene Menschen. 

Sie haben in Passau und an der Panthéon-Sorbonne, einer der renommiertesten Adressen für Europarecht und internationales Recht, studiert. Was war besonders in Paris?

Nach dem ersten Staatsexamen in Deutschland musste ich mich zunächst an die französische Lehrkultur gewöhnen; diese ist deutlich verschulter als bei uns. Energierecht spielte damals noch keine so zentrale Rolle wie heute. Es gab aber viele Anknüpfungspunkte durch Vorlesungen zum europäischen Wirtschaftsrecht, internationalen Privatrecht sowie zum Kartell- und Beihilfenrecht.  

Gerade diese europäische Perspektive prägt meine Arbeit bis heute. Die Europäische Union in ihrer Funktionsweise und Gesetzgebung zu verstehen, hilft, nationale Regelungen im größeren Zusammenhang zu sehen und Entwicklungen frühzeitig einzuordnen. 

Würden Sie jungen Jurist:innen ein Praktikum am Europäischen Gerichtshof weiterempfehlen?

Ja, sehr. Ein Praktikum am Europäischen Gerichtshof vermittelt einen unmittelbaren Eindruck davon, wie europäisches Recht tatsächlich entsteht, ausgelegt und angewendet wird. Man lernt, präzise zu arbeiten, unterschiedliche Rechtsordnungen zu vergleichen und die Bedeutung einzelner Begrifflichkeiten und Argumentationslinien zu bewerten. 

Luxemburg ist zudem Standort vieler weiterer europäischer Institutionen. Das spürt man in der ganzen Stadt. Der Gerichtshof ist wie Luxemburg selbst ein Ort, an dem verschiedene juristische und kulturelle Perspektiven aufeinandertreffen.  

Diese Erfahrung erweitert den eigenen Horizont und ist auch für die spätere anwaltliche Arbeit sehr hilfreich. Ich würde jungen Jurist:innen daher empfehlen, eine solche Station nicht nur als fachliche Qualifikation zu sehen, sondern auch als Chance, die eigene europäische Perspektive zu entwickeln und internationale Kontakte zu knüpfen. 

Was hat sich in Ihrem Fachgebiet in den letzten Jahren am stärksten verändert?

Energierecht ist längst nicht mehr nur ein rein juristisches Thema, sondern politisch und gesellschaftlich hoch relevant. Das macht dieses Feld besonders spannend. Für mich ist es deshalb interessant, weil es sehr dynamisch ist: Viele Gesetze und Rechtsfragen sind neu, sodass man sich juristisch und argumentativ „austoben“ kann. 

Wenn ich Unternehmen berate, geht es in der Regel nicht um isolierte Rechtsfragen, sondern um das Zusammenspiel von Märkten, Anforderungen an Netze und Verträge und den Einfluss europäischer sowie nationaler Vorgaben auf konkrete Geschäftsmodelle. 

Zugleich schätze ich, dass meine Arbeit nicht nur am Schreibtisch stattfindet, sondern ich auch viel Kontakt zu Mandanten und zur Branche habe. 

Sie sind Mitglied der Deutsch-Französischen Juristenvereinigung. Was können wir von unseren europäischen Nachbarn lernen, wenn es um den Energiemarkt geht?

Ein wichtiger Aspekt ist, europäische Zusammenarbeit nicht nur als rechtliche Notwendigkeit, sondern als praktischen Mehrwert zu begreifen. Die Energiemärkte sind eng miteinander verbunden, Versorgungssicherheit, Infrastruktur, Netze und die Entwicklung neuer Energieträger sollten wir daher langfristig immer auch grenzüberschreitend denken. 

Wo sehen Sie in den nächsten Jahren im europäischen Gasmarkt die größten rechtlichen Herausforderungen?

Eine der großen Herausforderungen wird darin liegen, den Übergang zu einem klimaneutralen Energiesystem effizient und rechtssicher zu gestalten. Das betrifft nicht nur Erdgas, sondern verstärkt auch Wasserstoff, Biomethan und andere erneuerbare oder kohlenstoffarme Gase. Unternehmen stehen dabei vor Fragen hinsichtlich der Infrastruktur, der Finanzierung, der Nutzung bestehender Netze und der Gestaltung langfristiger Verträge. 

Gleichzeitig bleibt die Versorgungssicherheit ein zentrales Thema. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell sich geopolitische Entwicklungen auf Energiemärkte auswirken können. Das Recht muss deshalb verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, ohne notwendige Anpassungen zu verhindern.  

Hinzu kommt die Herausforderung, europäische Vorgaben in den Mitgliedstaaten möglichst kohärent umzusetzen. Besonders an den Schnittstellen zwischen europäischem Recht, nationaler Regulierung und unternehmerischer Praxis wird der Beratungsbedarf weiter steigen. 

Warum ist jetzt ein guter Zeitpunkt, ins Energierecht einzusteigen?

Weil das Energierecht aktuell eine außergewöhnliche Dynamik und enorme gesellschaftliche Bedeutung hat. Die Energiewirtschaft befindet sich in einer grundlegenden Transformation. Neue Infrastrukturen werden geplant, Geschäftsmodelle entwickelt und Marktregeln angepasst. Jurist:innen können diesen Wandel nicht nur begleiten, sondern aktiv mitgestalten. 

Dieses Rechtsgebiet ist zudem sehr vielseitig und vereint zahlreiche Rechtsbereiche. Wer komplexe Zusammenhänge verstehen will, interdisziplinär arbeitet und Zukunftsthemen mitgestalten will, findet hier ein spannendes Arbeitsfeld. 

BBH ist ab diesem Jahr 35 Jahre alt. Welcher BBH-Moment ist Ihnen bis heute im Gedächtnis geblieben?

Bemerkenswert finde ich bei BBH die Entwicklung, aber auch die gleichbleibende Haltung. Seit meinem Einstieg 2008 hat sich vieles verändert: die Größe der Kanzlei, die Themen, die technischen Voraussetzungen und die vielfältigen Herausforderungen der Energiewirtschaft. 

Gleich geblieben ist aber der Anspruch, Mandant:innen fachlich fundiert, lösungsorientiert und auf Augenhöhe zu beraten. 

Es gibt für mich nicht „den einen“ BBH-Moment, sondern viele, Situationen, in denen ein Team eine zentrale Frage für Mandant:innen gelöst hat, aber auch gelungene Teamevents, Staffelläufe sowie Sommer- und Weihnachtsfeiern. Kollegialität und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, prägen BBH bis heute. Gerade in einem dynamischen Umfeld ist das ein großer Wert. 

Sie haben drei Kinder, alle im Schulalter. Wie bekommen Sie Job und Familie unter einen Hut?

Eine perfekte Balance gibt es wahrscheinlich nicht. Was hilft, ist ein Umfeld, in dem man sich aufeinander verlassen kann, privat wie beruflich. Natürlich muss man Prioritäten setzen. Ich habe gelernt, nicht den Anspruch zu haben, jederzeit alles gleichzeitig erledigen zu können. Es gibt Phasen, in denen der Beruf besondere Aufmerksamkeit verlangt, und andere, in denen die Familie im Vordergrund steht. Entscheidend ist für mich, beides ernst zu nehmen.  

Ich habe das große Glück, eine Familie zu haben, die Verständnis für meinen Beruf aufbringt und Kinder, die auch mal selbst den Kochlöffel in die Hand nehmen. Außerdem habe ich ein tolles Team, wofür ich sehr dankbar bin. 

 

Vielen Dank für das Gespräch!