Interview: BBH-Partner Prof. Christian Held darüber wie sich Leidenschaft, Verantwortung und langfristiges Denken miteinander verbinden lassen
Seit mehr als drei Jahrzehnten prägt Prof. Christian Held als Rechtsanwalt und Namenspartner die Entwicklung der BBH-Gruppe und das Energie- und Infrastrukturrecht in Deutschland und Europa. 2026 feiert BBH das 35-jährige Bestehen. Ein passender Anlass, zurückzublicken auf die Anfänge der Kanzlei, auf prägende Momente und auf das, was BBH bis heute ausmacht. Zugleich sprechen wir mit Prof. Held über seine verschiedenen Rollen als Anwalt, Netzwerker und Lehrender.
Wir feiern dieses Jahr das 35-jährige Bestehen von BBH. Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie persönlich?
Also ich werde in diesem Jahr 65. Das heißt, von meinen 65 Lebensjahren habe ich 35 Jahre mit BBH verbracht, also mehr als die Hälfte meines Lebens. 35 Jahre sind natürlich eine lange Zeit. Angefangen hat es mit dem Aufbau einer kleinen Kanzlei, die jedoch schon fast von Anfang an eine sehr damals kühne Strategie verfolgt hat, Marktführer im Bereich der Energieinfrastrukturberatung zu werden. Vor dem Hintergrund des Erreichten, kann ich mit Genugtuung zurückschauen und sagen, das ist ein großer Teil meines Lebens gewesen. Ich beschäftige mich aber lieber mit der Zukunft und sehe, dass wir mitten in einer dynamischen Entwicklung sind und vor allem positiv nach vorne schauen können!
Sie sind seit 1992 Teil von BBH und seit 1997 Namenspartner. Wie ist BBH entstanden?
Im Zuge der Wiedervereinigung hat BBH-Gründer Peter Becker, der ein weithin anerkannter Verfassungs- und Verwaltungsrecht Experte mit Kanzleisitz in Marburg war, den sogenannten Stromstreit geführt. Das war eine kommunale Verfassungsbeschwerde von 146 Kommunen, fast allen Städten der DDR, bzw. der dann jungen Bundesländer, mit dem Ziel, dass diese wieder Stadtwerke gründen können. Im Zuge der sozialistischen Rechtsordnung waren diese Stadtwerke in den 1950er Jahren in Energiekombinate auf Bezirksebene der DDR überführt worden. Die letzte Regierung der DDR hatte 1990 mit den großen westdeutschen Energiemonopolisten Geheimverträge abgeschlossen, die im Ergebnis die Rekommunalisierung der Strom- und Gasvermögen ausschloss und stattdessen von den Monopolisten beherrschte, regionale Stromversorger vorsah. Dies wurde im Einigungsvertrag und im Kommunalvermögensgesetz abgesegnet. Im Stromstreit, auf den im Einzelnen einzugehen hier nicht der Raum ist, setzten sich die Kommunen im Ergebnis mit einem Vergleich vor dem Bundesverfassungsgericht (einmalig in seiner Geschichte!) durch und die verfassungsrechtliche „Elfenbeinturmkanzlei“ in Marburg brach organisatorisch zusammen. Der Aufbau der Stadtwerke in den jungen Bundesländern erforderte die Gründung eines neuen Büros in Berlin. Peter Becker gründete dies mit Wolf Büttner, einem alten Fahrensmann aus der Energiewirtschaft, zuletzt leitend und hilfreich für die Kommunen bei der Treuhandanstalt tätig. Wolf brachte seine Kenntnisse ein und wollte eigentlich nur eine Art temporärer Geburtshelfer für die neue Struktur sein. Ich war junger Anwalt und kannte Peter Becker. Er hat mich angesprochen, ob ich die Gründung neuer Stadtwerke von Berlin aus mitstrukturieren könnte. Das wollte ich eigentlich nicht, weil ich andere Pläne hatte. Aber dann hat er mich überzeugt mit der Idee, dass wir zeitgleich ein gewisses Weingut übernehmen...
Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, welches Potenzial in der Kanzlei steckt?
Ich habe 1994 auf einen Zettel geschrieben: Marktführer in der Beratung der Energiewirtschaft. Das war natürlich vermessen, weil wir noch zu dritt oder viert waren. Es war aber eine ganz besondere Konstellation und eine Zeit, in der sich auch der Beratungsmarkt durch die Liberalisierung des anwaltlichen Berufsrechts wandelte und große Chancen bot. Es wurde möglich, überörtliche Sozitäten zu bilden und mit Wirtschaftsprüfer:innen und Steuerberater:innen in einem Unternehmen tätig zu sein. Die entstehenden Stadtwerke in den neuen Bundesländern mussten wir von Anfang an ganzheitlich beraten, weil niemand sonst da war, der das glaubwürdig hätte machen können. Wir waren in der Pole Position und hatten auf einen Schlag über 130 Städte und dann deren von uns gegründete Stadtwerke als Mandanten.
Die zweite dann für BBH entscheidende Entwicklung war die Initiative der Europäischen Kommission (ab 1995), die europäischen Strom- und Gasmärkte zu liberalisieren. Hier waren wir von Anfang an gestaltend mit dabei und haben Basisarbeit geleistet. So durfte ich den ersten Börsenbilanzkreisvertrag als Meilenstein der Liberalisierung mitentwickeln. Unser Kampf „David gegen Goliath“, also für Stadtwerke und liberalisierte Strukturen gegen die großen Strom- und Gasmonopolisten zu stehen, wurde polarisierend wahrgenommen. Dies führte dazu, dass sich viele hochtalentierte Kolleginnen und Kollegen für BBH interessierten, um hier ihre Fähigkeiten auch gesellschaftlich sinnvoll einzusetzen. Auf diese Weise haben wir viele Partnerinnen und Partner als Mitstreiter gewonnen.
Zu Beginn der Liberalisierung der Energiemärkte, gab es deutschlandweit nur wenige, sehr kleine Kanzleien in diesem Bereich, typischerweise Einzelanwälte. Der Energiemarkt hat sich durch die Liberalisierung und später durch die Transformation unter ökologischen Aspekten sehr dynamisch entwickelt. Die Fokussierung auf einen Markt, der sich entwickelt und wächst, war eine tragfähige Strategie, die wir konsequent verfolgt haben. Deshalb funktioniert sie bis heute und wird auch in Zukunft funktionieren.
Am Anfang waren nur eine Handvoll Menschen bei BBH, jetzt sind es über 1.000. Was hat sich in den letzten 35 Jahren verändert und was ist im Kern gleichgeblieben?
Was sich total verändert hat, ist die Organisation von BBH und auch die Märkte und das Umfeld, die Mandantinnen und Kunden haben sich verändert. Was gleichgeblieben ist, ist die Strategie. Ich denke, man muss Mandanten langfristig begleiten. Die Idee ist, dass wir eher wie ein Hausarzt sind und nicht wie jemand, der einmal eine große Operation macht. Dieses langfristige Begleiten ist geblieben und muss, in einer sich verändernden Welt, frei nach dem Motto „nur wer sich ändert, bleibt, wie er ist“ immer neu in den Fokus genommen werden.
Das Vertrauensverhältnis zwischen BBH-Kolleg:innen, aber auch zwischen uns und unseren Mandant:innen und Kooperationspartnern ist ebenfalls gleichgeblieben. Und vielleicht auch die Neugier und die Idee, immer wieder Dinge in Frage zu stellen und neu zu definieren.
Haltung hat bei BBH immer eine zentrale Rolle gespielt?
Das ist sicherlich so, bereits bei den Kolleg:innen, die sich in frühen Phasen zu BBH gekommen sind. Wenn sie sich für ein Unternehmen wie unseres entschieden haben, dann lag das daran, dass ihnen die Haltung gefallen hat. Denn sie hätten ja auch die Möglichkeit anderer Karrierewege gehabt. Wir haben immer wieder Leute gefunden, die sich mit unseren Anliegen identifizieren konnten und die sagten: Hier kann man vielleicht aus den eigenen Fähigkeiten etwas Besonderes machen und eben Haltung bewahren und weiterentwickeln.
Was würden Sie jungen Menschen am Anfang ihrer Karriere mitgeben? Kommt zu BBH, das ist eine ganz besondere Kanzlei?
Dass BBH eine besondere Kanzlei ist, ist erst einmal meine Sicht. Eigentlich müsste ich Sie (Interviewer) als jüngere Kolleginnen fragen, wie Sie es empfinden hier zu arbeiten. Ich glaube, BBH ist das, was wir alle jeden Tag aufs Neue daraus machen. Ich bin stolz darauf, dass wir so viele großartige Kolleginnen und Kollegen haben, die ihre ganz eigenen Akzente eingebracht haben und diese auch ggf. über viele Jahre entwickeln. Deswegen sind wir auch immer interessiert, möglichst langfristig mit Menschen zusammenzuarbeiten, die sich dann weiterentwickeln können.
Gleichstellung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind in unserer Branche, also bei Kanzleien und Wirtschaftsprüfern, ein großes Thema. Wie sieht es bei BBH aus?
Ich glaube, der Spiegel hatte einmal in einem Artikel eine ganz nette Formulierung: In den großen Anwaltskanzleien gäbe es bei den zentralen Partnern mehr „Christians“ als Frauen. Dass wir in schlechter Gesellschaft sind, macht es vielleicht verständlicher, aber nicht besser. Veränderungen sind notwendig. Wir stellen genauso gerne Frauen ein, wir fördern genauso gerne Frauen. Aber das reicht eben nicht. Bei den Einstellungen haben wir ungefähr gleiche Zahlen, vielleicht sogar mehr Frauen. Aber später nimmt das ab. Wenn wir alles genauso machen wie bisher, dann bleibt es auch genauso. Mir ist es ein großes Anliegen, dass wir strukturelle Veränderungen bewirken und ich die auch mitgestalte. Das ist eine unserer wirklich großen Herausforderungen, für das wir Anfang dieses Jahres in der Partnerschaft mit höchster Priorität ein Projekt ins Leben gerufen haben.
Als Honorarprofessor für Energierecht geben Sie Ihr Wissen an Studierende weiter. Was reizt Sie daran?
Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass ich schon vor über zwei Jahrzehnten das IKEM Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität mit Professor Michael Rodi gegründet habe, als An-Institut der Universität Greifswald, dass sich zu einem wichtigen Thinktank mit breiter Wirkung entwickeln konnte. Hier bin ich weiterhin als Vorstand und Beiratsvorsitzender engagiert. Meine eigene Professur habe ich aber in Bingen. Das ist eine kleine aber feine Technische Hochschule, die übrigens unmittelbar in den Weinbergen an der Nahemündung liegt. Ich finde es interessant, dort Ingenieure und Energiewirtschaftler energierechtlich und energiepolitisch auszubilden. Ich betreue zwei Masterstudiengänge und einen Bachelorstudiengang. Die Vorlesungen sind interaktiv und immer wieder herausfordernd, vor allem der berufsbegleitende Masterstudiengang, mit gestandenen, klugen Persönlichkeiten aus der Energiewirtschaft. Für mich ist es spannend, mit Menschen zu arbeiten, die aus einer anderen fachlichen Perspektive kommen. Es ist außerdem gut, immer wieder von vielen jüngeren Menschen herausgefordert zu werden. Mir selbst bringt es etwas und für das BBH-Netzwerk ist es auch gut. Ich treffe oft ehemalige Student:innen wieder, die heute wichtige Funktionen in Unternehmen unserer Branche, z.B. Stadtwerken haben.
Neben Ihrer Arbeit bei BBH engagieren Sie sich in europäischen Netzwerke wie der AEEC, die Sie vor über zwanzig Jahren gegründet haben und deren Vorsitzender Sie bis heute sind. Was ist wichtig an dieser internationalen Zusammenarbeiten?
Die Association of European Energy & Climate Lawyers (AECC) ist das führende energie- und klimarechtlich spezialisierte Netzwerk von Anwaltskanzleien in Europa und darüber hinaus. Die Wirtschaft, auch die Energiewirtschaft, ist keine nationale Insel. Wir sind ein vernetzter europäischer Markt. Darüber hinaus sind das europäische und jeweilige nationale Recht verklammert. In der AEEC haben wir aus nahezu allen europäischen Staaten Topkanzleien des Energie- und Infrastrukturrechts mit interessanten Partnerpersönlichkeiten zusammengeführt. In der Zusammenarbeit der AEEC leisten wir Vielfältiges: Internationale (Energie-)Verträge, grenzüberschreitende Projekte mit Beteiligten aus verschiedenen Juristdiktionen, rechtsvergleichende Tätigkeiten für die Europäische Kommission oder Nationalstaaten, um nur einige Beispiele zu nennen. Etwa zehn Prozent unserer Tätigkeit betrifft solche Mandate. Ohne das AEEC-Netzwerk könnten wir viele Sachen nicht leisten und hätten auch in Deutschland nicht diese Relevanz und Reputation.
Als stellvertretender Vorsitzender des Europäischen Verbandes der regionalen Netzbetreiber GEODE sind Sie ebenfalls seit vielen Jahren europäisch tätig. Was treibt Sie hier an?
GEODE streitet für eine pluralistische Netzwerkschaft. Als die Europäische Kommission mit der Liberalisierung begann, war die Vorstellung der seinerzeit zuständigen Kommissarin Loyola de Palacio: „fünf sind genug“. Damit meinte sie fünf multinationale Energieversorger für ganz Europa, die sich Konkurrenz machen. Sie verglich die Struktur des von ihr gewollten europäischen Marktes mit dem Markt für Automobile. Gegen dieses Zielbild galt es zu kämpfen, denn zum Beispiel Stadtwerke hatten in dieser Vorstellung keinen Platz. In verschiedenen europäischen Ländern, von Spanien bis Finnland, hat die GEODE Mitglieder, die für eine pluralistische Energiewirtschaft stehen. Ihre Mitgliedsunternehmen versorgen in etwa 50 Millionen Kunden. Bis heute ist es dem kleinen, aber schlagkräftigen Verband gelungen, die Rahmenbedingungen für die europäische Energiewirtschaft erfolgreich mitzugestalten und das muss auch so bleiben. Es ist auch strategisch wichtig für unsere Mandanten und damit für BBH selbst.
Finden Sie, dass Berlin nach wie vor ein interessanter Standort für den juristischen Nachwuchs oder auch für Wirtschaftsprüfer ist?
Unbedingt ja! Berlin ist bis heute aus meiner Sicht unser wichtigster Standort. Der Münchner Standort ist ähnlich groß und wir haben auch wunderbare Standorte in Brüssel, Erfurt, Hamburg, Köln und Stuttgart. Jeder Standort hat seine Besonderheiten und wird von mir sehr wertgeschätzt. Gerade die Mischung ist wichtig. Unsere Standorte bereichern uns, bilden verschiedene Schwerpunkte aus und bieten Nähe zu Mandanten und Entscheidern. Hier in Berlin ist man am Puls der Politik und Berlin hat sich zeitlich parallel zu BBH zur unangefochtenen Hauptstadt Deutschlands entwickelt.
Was hat Sie von ihrem Geburtsort Meisenheim nach Berlin geführt?
Ich bin nicht direkt aus Meisenheim nach Berlin gekommen, sondern habe bunte Stationen durchlaufen und größtenteils in Marburg studiert. Bei mir war es nicht so, dass ich unbedingt in Berlin arbeiten wollte und mir dann einen Job in Berlin gesucht habe. Im Gegenteil! Als Mensch aus dem Grenzraum zu Frankreich stand Berlin nicht auf dem Lebensplan. Ich bin dann mit dem „Ruf“ von Peter Becker hierhergekommen, um die Kanzlei aufzubauen, im Zusammenhang mit der Gründung und Betreuung der ostdeutschen Stadtwerke. Das war nur von Berlin aus sinnvoll zu organisieren... Ich bin Berlin sehr dankbar und habe ja nun schon seit 35 Jahren hier einen Lebensschwerpunkt. Meine beiden Töchter sind in Pankow aufgewachsen und sehen sich als Berlinerinnen, genauer gesagt Ostberlinerinnen. Meine politisch tätige Tochter spielt diese Karte auch manchmal bewusst aus… Aber vor allem möchte ich hier betonen, dass die Erfolgsgeschichte von BBH ohne Berlin nicht möglich gewesen wäre. Mein erstes großes Berliner Mandat erhielt ich mit einem Schubser vom seinerzeitigen Senator Peter Strieder und der lakonischen Bemerkung: „Mach mal, Rechtsverdreher“. Wir hatten dann die Ehre, Berlin in vielen wichtigen Verfahren zu vertreten. Heute sind wir die größte Kanzlei in Berlin, das wäre ohne die Dynamik und Offenheit der Stadt nicht möglich gewesen. In einem föderalen Staat war es auch einfacher Mandanten aus ganz Deutschland zu betreuen, wenn man gleichsam neutral aus der Hauptstadt kam.
Das war Anfang der 1990er sicherlich eine sehr spannende, dynamische Zeit, in einer Stadt, in der so viel passiert ist.
Das stimmt, und ich habe viele Anekdoten in petto. Zum Beispiel die Eröffnung des Restaurants Borchards: „You all will earn as much as he did“, sagte Carl Barks und zeichnete zittrig einen Dagobert Duck auf das Tischtuch, weil wir alle so betrunken waren. Aber Schluss damit, das Interview dauert jetzt eh schon zu lange. Wir hatten die erste Kanzlei in der Friedrichstraße, einem Hotspot der rasanten Entwicklung. Die Stadt war völlig anders als heute. Aber ich habe immer sehr gerne in Berlin gelebt und darüber hinaus das Glück auch einen Fuß in den Weinbergen zu haben, durch die gleichzeitige Übernahme des Weingutes Disibodenberg und der Gründung von BBH. Diese Mischung zwischen bodenständiger landwirtschaftlicher Tätigkeit und relevanter Begleitung der großen Welt der pluralistischen europäischen Energiewirtschaft, empfinde ich als ein Privileg, für das ich dankbar bin.
Vielen Dank für das Gespräch.